UNA Nettersheim

Donnerstag, 24. Oktober 2019
Aufstand der Zwerge
Freitag, den 30. März 2012 um 17:19 Uhr
In ländlichen Gebieten kämpfen immer mehr Eltern für den Erhalt kleiner und ortsnaher Schulen - Für die Organisation des Unterrichts gibt es mehrere Modelle: Jahrgangsübergreifendes Lernen und Teilstandorte 

Ganz so voll wie im vergangenen Herbst, als die Stühle in der Pausenhalle nicht reichten und viele an den Glastüren ausharren mussten, ist es an diesem Abend nicht. Auch eine Menschenkette wie Ende September, als mehr als 1000 Bürger ihren Unmut bekundet haben, wird es in nächster Zeit nicht geben. "Man muss", sagt Joachim Zierke, Sprecher der Bürgerinitiative "Pro Ermelingschule", "die Rituale sparsam einsetzen, sonst verpuffen sie". Vorläufig ist der Bestand der einzügigen Gemeinschaftsgrundschule im ländlich geprägten Süden von Bönen im Kreis Unna gesichert. Aber eine Garantie gibt es nicht. "Das ist unser Stuttgart 21", sagt ein kämpferischer Vater: "Zur Not rücken wir jeden Abend hier an, auch in den Ferien."
 
Bild: PrivatNoch zwei Kurven, dann taucht auf der linken Straßenseite ein graubeigefarbener Flachbau auf. Daneben ist ein etwas neueres Gebäude zu erkennen, die Sporthalle. An die Dimensionen muss man sich erst gewöhnen. Für das laufende Schuljahr bedeutet das: 88 Kinder von der ersten bis zur vierten Klasse, die von vier Lehrerinnen und Schulleiter Günther Dieckmann unterrichtet werden. Eigentlich traumhafte Bedingungen. Alles ist noch ein bisschen kleiner als vermutet. "In unserer überschaubaren Größe", sagt Dieckmann auf dem Weg in die Pausenhalle tapfer, "liegen enorme Möglichkeiten".

Ohne den Protest der Bürgerinitiative wäre möglicherweise schon im Sommer das Aus für die Schule gekommen. Ihre Zukunft steht schon seit längerem auf der Kippe. Vor dem Hintergrund dramatisch sinkender Geburtenzahlen ist die Erhaltung der derzeit drei Grundschulen in der 18 000-Einwohner-Gemeinde am östlichen Rand des Ruhrgebiets ungewiss. Durch Einschulungen aus den Nachbarorten konnte die Minimumgröße erreicht werden. "Das Damoklesschwert der Schließung schwebt weiter über uns", sagt der Rektor. Es kursieren Gerüchte, dass es schon 2017 nur noch neun Erstklässler im direkten Einzugsbereich geben könnte.

Zahlen spielen in der aktuellen Debatte um die Zukunft kleinerer Schulen im ländlichen Raum angesichts des demografischen Wandels eine ganz entscheidende, oft sogar existenzielle Rolle. "Wir haben die größte Eingangsklasse aller Schulen in Bönen", verkündet Zierke stolz. Das bedeutet zumindest eine Schonfrist, manche nennen es auch Gnadenfrist. Seit sich die bisherige rot-grüne Düsseldorfer Minderheitsregierung und die oppositionelle CDU auf Eckpunkte eines Konzepts gegen das Grundschulsterben geeinigt haben, gilt die Rückkehr zur Zwergschule als rettende Idee. Immerhin vollzog die SPD, die im Gemeinderat Bönen über eine absolute Mehrheit verfügt, einen Schwenk und will der Schule nun zumindest eine Überlebenschance geben. Bislang hatte man mit der exzellenten Versorgung durch die beiden anderen drei- und vierzügigen Schulen argumentiert.


Im Eingangsbereich zur Pausenhalle wird auf einer Stellwand von der jüngsten Projektwoche an die bunte und fröhliche Kunst des kürzlich gestorbenen amerikanischen Pop-Art-Künstlers Rizzi James und an den österreichischen Künstler Friedensreich Hundertwasser erinnert. "Wir sind vollkommen auf der Höhe der Zeit", sagt Schulleiter Dieckmann, "wir müssen uns nicht verstecken". In einer Broschüre preist die Ermelingschule ihre "familiäre Atmosphäre, die individuelle Förderung und ein behütetes naturnahes Umfeld". Die Eltern halten wie an allen gefährdeten Landschulen zusammen wie Pech und Schwefel.
Bei der Versammlung ist viel von der "latenten Unruhe" spürbar, von der Joachim Zierke gesprochen hat. Der Sprecher der Bürgerinitiative ist evangelischer Gemeindepastor. Was würde dem Ort fehlen ohne die 170 Jahre alte Ermelingschule? "Wir verlören hier den letzten Bezugspunkt über alle politischen, kulturellen und weltanschaulichen Grenzen hinweg. Sollte die Kommune mittelfristig nicht mitspielen, hält man sich eine andere Rettungsoption offen - die Zwergschule in privater, eventuell sogar kirchlicher Trägerschaft weiterzubetreiben.

Szenenwechsel. Knapp 200 Kilometer südwestlich. Einen vorläufigen Sieg "für die Schule, aber auch für den Ort" sieht Franz-Josef Hilger im Einspruch des Nettersheimer Gemeinderats gegen die geplante Schließung der Gemeinschaftsgrundschule Marmagen. Hilger, pensionierter Gymnasiallehrer, ist Fraktionschef der "Unabhängigen Nettersheimer Alternative" (UNA), die entscheidenden Anteil hatte an der Ablehnung der Verwaltungsvorlage.

Bild: Gudrun Klinkhammer
Die magische Zahl 18 spielt auch in der Eifel eine entscheidende Rolle bei den Anmeldezahlen: Die Mindest-Marge für das nächste Schuljahr ist erreicht. Sollte ein Kind "abspringen", könnte die Eingangsklasse nur mit Sondergenehmigung eingerichtet werden. Akut gefährdet ist die Marmagener Schule (109 Kinder, fünf Lehrerinnen) nicht, aber ihr Fortbestand ist eben auch nicht langfristig gesichert. Was Eltern und Kommunalpolitiker erbost hat, ist der "überfallfallartige Versuch, die Schulschließung im Handstreich durchzubekommen".

Eines der 18 Kinder, das die vorläufige Weiterführung der Marmagener Schule sichern hilft und indirekt dafür sorgt, dass die geplante Zusammenlegung mit der Grundschule im Nachbarort Zingsheim zurückgestellt wird, ist Andreas Weißkopf. Noch lässt der Sechsjährige unbekümmert seine Rennautos von der Küche ins Wohnzimmer flitzen. Aber er hat mitbekommen, dass die Schule "wohl leider ein Auslaufmodell ist", sagt seine Mutter. Petra Weißkopf ist Krankengymnastin und zweite Vorsitzende des rührigen Schulförderkreises. Ihre Tochter Luuxa besucht die dritte Klasse, die einzige zweizügige der Schule.

Seit der Nacht- und-Nebel-Aktion der Verwaltung seien die Eltern im Ort "aufgebracht und hellhörig". Auch wenn künftig abgesenkte Klassengrößen (Minimum: 15 Kinder) zulässig sind, könnte es "für Marmagen irgendwann eng werden", fürchtet Kommunalpolitiker Hilger. Die Geburtenzahlen sprechen eine sehr deutliche Sprache: Wurden 1992 im Gemeindegebiet noch 111 Kinder geboren, waren es 2011 nur noch 41. Ältere Marmagener erinnern daran, dass als Folge des Pillenknicks schon einmal das Aus für die Schule prognostiziert worden war - und ausblieb. Dass man vor zwei Jahren eine Photovoltaikanlage auf dem Schuldach installiert hat, werten Optimisten als positives Signal.

Seit die Zwergschule als rettendes Modell die schulpolitische Diskussion belebt, denkt Franz-Josef Hilger (63) häufiger an die eigene Schulzeit in den 50er Jahren zurück, "aber ohne nostalgisch verklärten Blick". Das Schüler-Dasein an der einklassigen katholischen Volksschule in Schleiden-Broich sei "absolut kein Zuckerlecken" gewesen: 30 Schüler, acht Klassen, ein Lehrer. "Wenn das ein engagierter Mann war, konnte das eine wunderbare Schulzeit sein mit Lernerlebnissen, die heute so nicht mehr zu haben sind. War es aber ein schlechter Pädagoge, konnte die Schullaufbahn sehr traurig sein", sagt Hilger. Sein Lehrer zählte offenkundig zur zweiten Kategorie. "Der konnte sich praktisch alles erlauben. Das Prügeln von Kindern war ja gängige Praxis, und manche Jungen waren täglich auf Schläge abonniert." Bei der damals noch obligatorischen Aufnahmeprüfung fürs Gymnasium habe sich gezeigt, "dass wir erschreckend wenig gelernt haben. Wir haben, gefühlt wochenlang, Bohnen gezüchtet und unheimlich viel gesungen."

Anno 2012 gehorcht die Zwergschule natürlich ganz anderen pädagogischen Prinzipien - und vor allem dem Konzept "Kurze Beine - kurze Wege". Was das für die Zukunft der Schulen in der tiefsten Eifel unweit der belgischen Grenze bedeutet, wird sich schon bald zeigen. Seit Anfang dieses Schuljahrs arbeiten die drei zuvor selbstständigen Grundschulen Hellenthal, Reifferscheid und Udenbreth in einem Schulverbund zusammen. "Eine Rettungsaktion, ganz klar", sagt die für alle drei Schulen zuständige Leiterin Gabriele von der Heydt. Vor gut zwei Jahren hatten erboste Eltern durch ihren Protest "das Schlimmste verhindert", erzählt Brigitte Göttgens und für den Standort Udenbreth gekämpft. Dominik, ihr Jüngster, ist dort jetzt Viertklässler. Um die Schule vorerst zu retten, werden die insgesamt nur noch 54 Kinder von den beiden Lehrerinnen und einer "Springerin" für Englisch "jahrgangsübergreifend" unterrichtet, das erste und zweite Schuljahr gemeinsam, ebenso das dritte und vierte. Viele Eltern sehen es so wie Brigitte Göttgens, deren Mann in dem Wintersportort eine Tierarztpraxis betreibt: Verkehrstechnisch und pädagogisch wäre es sinnvoll, Udenbreth als "Höhen-Schule" zu erhalten und eine der beiden anderen "Tal-Schulen". Außer weiten Anfahrtswegen - Hellenthal ist eine der größten Flächengemeinden in NRW mit 66 Ortschaften und Weilern - spielen auch jahrhundertealte Animositäten zwischen "oben" und "unten" eine Rolle.

Über kurz oder lang, so sieht es bei nüchterner Betrachtung Schulleiterin von der Heydt, werde es wohl auf zwei Schulstandorte hinauslaufen. Sie sagt, sie könne den Widerstand der Eltern gut nachvollziehen, zumal er die Kommunalpolitiker wachgerüttelt habe. Wie es jetzt weitergeht, hängt entscheidend vom Votum der gemeinsamen Schulkonferenz der drei Orte ab: Das zu gleichen Teilen aus Eltern und Lehrern zusammengesetzte Gremium muss schon im Juni entscheiden, ob es dem jahrgangsübergreifenden Unterricht zustimmt. Im Regal hinter dem Schreibtisch steht unübersehbar ein Ordner mit dem NRW-Schulgesetz. Darin ist vorgeschrieben, dass bei "Grundschulverbünden" alle Standorte die "Schuleingangsphase" gleichgestalten müssen. Das heißt: Fände dieses Modell in der Schulkonferenz keine Mehrheit, würden also die Leute aus dem Tal denen auf dem Berg die Solidarität verweigern. Dies wäre unweigerlich das Todesurteil für Udenbreth. Die Rektorin hofft noch auf Einsicht, und das Thema macht auch während der Osterferien keine Pause.

Draußen erinnert eine Tafel an den 1885 geborenen Reifferscheider Schüler und späteren Indologen Professor Willibald Kirfel, der ein "Gelehrter von internationalem Rang" gewesen sei. Heute liest sich der Hinweis wie ein aktuelles Bekenntnis zum Bildungsauftrag der kleinen Eifel-Schule.

Kölner Stadtanzeiger vom 30.03.2012 -  Von Harald Biskup
 
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