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Samstag, 21. Juli 2018
Ankunft in der Realität
Dienstag, den 28. Juni 2011 um 17:45 Uhr
Wie die atompolitische Wende stellt jetzt auch die schulpolitische Neuordnung die CDU vor die schwierige Frage ihres Selbstverständnisses. Kann konservative Schulpolitik sich nun noch überzeugend von linker abgrenzen?
 
Ist der Konservatismus in der Krise? Vielleicht – aber an der CSU liegt es auf jeden Fall nicht. Sie steht zu ihren Überzeugungen, auch wenn die – wie das dreigliedrige Schulsystem – nicht mehr ganz zeitgemäß sein mögen. Man muss den bayerischen Kultusminister Ludwig Spaenle für seine Standhaftigkeit bewundern.
Er hält die schulpolitischen Pläne der CDU-Spitze für einen falschen Schritt. Die Hauptschule abschaffen? Nicht mit der CSU. Mit dem neuen CDU-Konzept werde Schülern die Möglichkeit genommen, eine passgenaue Bildungsmöglichkeit zu bekommen. Jedwedem Populismus und neumodischen Entwicklungen trotzen die Christsozialen mit bayerischer Beharrlichkeit.

Von der CDU lässt sich das nicht behaupten. Nach der Atompolitik wird nun ein weiteres konservatives Markenzeichen geopfert. Denn lange Jahre war das dreigliedrige Schulsystem der CDU heilig. Nur so, war man sich sicher, können Kinder individuell gefördert werden. Alles andere galt als Gleichmacherei.

Insofern ist das neue Bildungskonzept der CDU ein historischer Schritt. Auch wenn es letztlich nur eine Entwicklung dokumentiert, die ohnehin schonihr Ende gefunden hat. Schließlich ist der Stern der Hauptschule längst gesunken, in vielen Bundesländern gibt es bereits zweigliedrige Modelle.

Wie die atompolitische Wende stellt jetzt auch die schulpolitische Neuordnung die CDU vor die schwierige Frage ihres politischen Selbstverständnisses. Kann konservative Schulpolitik sich nun noch überzeugend von linker abgrenzen? Theoretisch mag das funktionieren – mit viel rhetorischem Geschick. In der Praxis wird es schwierig, wie man in NRW sieht. Hier unterscheiden sich die schulpolitischen Konzepte von CDU und Rot-Grün kaum: Beide beinhalten das Gymnasium, ergänzt durch eine weitere Schulform. Trotz dieser grundsätzlichen konzeptionellen Einigkeit liefern sich Landesregierung und Opposition erbitterte Kämpfe. Auf keinen Fall wollen die NRW-Christdemokraten die rot-grüne Gemeinschaftsschuleabsegnen.

Das neue Schulkonzept der Bundes-CDU lässt zumindest hoffen, dass auch im nordrhein-westfälischen Schulstreit eine Lösung möglich ist. Es mag ein Trost für die Christdemokraten sein, dass sie SPD und Grüne mit ihrem schulpolitischen Richtungswechsel vor dasselbe Problem wie sich selbst stellen: Wenn die CDU in Richtung vormals linker Positionen rückt – wo bleibt das Alleinstellungsmerkmal?

Ursprünglich kämpfte die CDU für ein dreigliedriges, die politische Linke für ein eingliedriges Schulsystem. Herausgekommen ist nun ein zweigliedriges Modell: ein klassischer Kompromiss, der keinen glücklich macht, aber auch niemandem wirklich wehtut. Um dabei irgendwie unterscheidbar zu bleiben, redet die CDU zwanghaft Unterschiede herbei: In Wirklichkeit wolle Rot-Grün die Gymnasien abschaffen. Vielleicht stimmt das sogar – eines sehr fernen Tages. Aber im Moment sind Gymnasien so populär, dass es einem politischen Selbstmord gleichkäme, sie auflösen zu wollen. Das wissen SPD und Grüne und stehen inzwischen schulpolitisch mit beiden Beinen auf dem Boden der Realpolitik. Also dort, wo die CDU nun auch angekommen ist.

Kölner Stadtanzeiger vom 28.06.2011 - Von Kerstin Meier
 
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