UNA Nettersheim

Freitag, 19. Oktober 2018
Für die scheuen Jäger müssen Alternativen für den A 1-Weiterbau vorgehalten werden
Sonntag, den 11. Februar 2018 um 15:14 Uhr

Nettersheim-Tondorf. Es ist ruhig geworden in dem Waldstück bei Tondorf. Keine Harvester, keine Forwarder, nicht einmal eine Motorsäge kam hier in den vergangenen Jahren zum Einsatz. Umso lauter war dagegen das Klingeln in der Gemeindekasse von Nettersheim. Denn für das Fledermausbiotop, das im Gemeindewald entsteht, bezahlte der Bund rund 600.000 Euro an Nutzungsentschädigung.

"Das ist nicht so, dass wir auf den Bund zugegangen sind, um dieses Projekt zu bekommen", sagt Nettersheims Gemeindeförster Wolfgang Schmieder schmunzelnd. Im Gegenteil: Bereits 2007 kamen Signale aus dem Landesbetrieb Straßen NRW, dass in diesen Waldstücken doch bitte die Bewirtschaftung unterbleiben solle. Denn diese Flächen sollten als Fledermausbiotop für Tiere hergerichtet werden, die eines Tages durch den Weiterbau der A 1 beeinträchtigt werden. Konkret geht es um das Überleben zweier waldlebender Fledermausarten: Die Bechstein-Fledermaus und das Große Mausohr. Ihre Lebensräume werden durch die Trassenführung der geplanten Autobahn gestört, erläutert Stephan Post, umweltfachlicher Sachbearbeiter beim Landesbetrieb, der für die Planung der Autobahn zuständig ist. Deshalb sollten den Tieren Ausweichstandorte angeboten werden, die möglichst optimale Bedingungen bieten.

"Fledermäuse sind die spannendste Tierart überhaupt", schwärmt Post von den kleinen, oft nur wenige Gramm leichten Tieren. Jede Art jage anders, habe ihr eigenes Profil. "Das ist irrsinnig komplex", so Post. Das Große Mausohr gehe etwa auf die Jagd nach großen Laufkäfern, deren Laufgeräusche am Boden es hören könne. Die Bechstein-Fledermaus dagegen suche mit Ultraschall die Blätter der Bäume ab.

So manche Nacht habe er mit Dr. Markus Dietz im Wald zugebracht, auf der Suche nach den Tieren. Dietz, Geschäftsführer des Instituts für Tierökologie und Naturbildung, gilt vor allem als ausgewiesener Fachmann für die Bechstein-Fledermaus. Er hat als Gutachter im Auftrag von Straßen NRW die Ausgleichsmaßnahmen für die Fledermäuse ausgearbeitet und war bei der Suche nach passenden Waldgebieten mit Altholz auf die Flächen in Tondorf gestoßen.

Eine Lösung für alle gebe es nicht, betont Post. Zu verschieden seien die Beeinträchtigungen. So störe der Autolärm das Mausohr bei der Ortung seiner Beute. Lichtreflexe von Scheinwerfern könnten wiederum die Bechstein-Fledermäuse gefährden. "Wenn altbekannte Flugrouten zerschnitten werden, finden die den Weg nicht mehr", erklärt Post. Außerdem betrage der Ortungswinkel einer Fledermaus nur 30 Grad, da habe das Tier keine Möglichkeit, zum Beispiel einem Lkw auszuweichen.

Doch eine Umsiedlung der Tiere sei nicht möglich. "Es ist unmöglich, einer Fledermaus klarzumachen, wo sie hinfliegen soll", so Post. Umso wichtiger sei es, Lebensräume für die Tiere zu sichern. Genau das sei in dem Wald bei Tondorf geschehen. "Wir müssen ein zehnjähriges Monitoring nachweisen", betont Post. Deshalb sei bereits frühzeitig die Bitte an Nettersheim ergangen, die Fläche aus der Bewirtschaftung zu nehmen. "Das sind 28,25 Hektar mit altem Baumbestand, durch den nur ein Weg führt", erläutert Schmieder.

Dadurch soll ein Altwaldbestand bei Mülheim ersetzt werden, der den Fledermäusen vor allem als Jagdrevier dient. Wochenstuben seien dort nicht nachgewiesen worden, teilt das Institut für Tierökologie auf Anfrage mit.

Die Anforderungen der Tiere sind hoch. Während das Mausohr bei Ahrbrück in einem Haus eine Kolonie hat und zur Jagd an die Nettersheimer Gemeindegrenze fliegt, sind die Anforderungen der Bechstein-Fledermäuse an ihre Niststätten hoch: Sie richten sich gerne in alten Spechthöhlen ein. Alle paar Tage ziehen die Tiere in einen anderen Baum, um Parasiten zu entkommen, wie Markus Thies, Fledermausbeauftragter des Nabu, erläutert. Deshalb sei es nötig, 15 bis 20 hohle Bäume pro Hektar vorzuhalten, in denen dann auch einmal 250 Tiere gemeinsam leben würden, betont Post.

Um die beiden waldlebenden Fledermäuse zu pflegen, müsse der richtige Wald angeboten werden. "Wir müssen die Baumlandschaft so entwickeln, dass die Fledermäuse das attraktiv finden", sagt Post. Besonders wichtig seien Spechthöhlen. Im Gegensatz zur sonst üblichen Bewirtschaftung, in denen das Augenmerk auf der Naturverjüngung liege, müssten nun alte Bäume gepflegt und große Eichen freigestellt werden.

Doch auch Totholz müsse entstehen, damit der Specht seine Höhlen baut. "Das wird beschleunigt", kündigt Post an. Nadelholzbestände würden dagegen ausgelichtet. "Das ist ein differenziertes Programm, das wir gemeinsam machen und mit einem Gutachter hineingehen", fasst Post die Maßnahmen zusammen, für die sich der Bund nun das Eigentum an den Bäumen gesichert hat. Alles, was alt sei, bleibe in der Verfügbarkeit des Naturschutzprojektes. "In dem Bereich wird in den nächsten 50 Jahren keine Bewirtschaftung stattfinden", so Post.


Kölner Stadtanzeiger vom 08.02.2018 - Von Stephan Everling

 

 
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