UNA Nettersheim

Dienstag, 22. Januar 2019
Das Gold der Eifel
Dienstag, den 14. Mai 2013 um 18:00 Uhr

Kölner Archäologen enträtseln die Geschichte des untergegangenen Marcomagus

In der Eifel war die Hölle los – zumindest in der römischen Antike. Denn Rennöfen und Schlackehalden bestimmten den Anblick der Kleinstadt Marcomagus. Die untergegangene Siedlung am Fluss Urft beim heutigen Nettersheim enthüllt Stück für Stück ihre Geschichte. Ein Fundstück besonders verblüfft die Kölner Archäologen.

Einen „kleinen Sensationsfund“ nennt Salvatore Ortisi die Goldmünze in seiner Hand. Der Solidus ist blank poliert, hat kaum einen Kratzer auf der Oberfläche. Und doch ist, was da glänzt, alt: über 1600 Jahre. Geprägt unter Kaiser Valens in den Jahren 364 – 367 nach Christus, gefunden in der Eifler Erde im Jahre 2011.

 

Seit vier Jahren arbeitet der Archäologe von der Abteilung für Archäologie der Römischen Provinzen in den Urftauen südlich des heutigen Nettersheim. Einen solchen Fund hätte er damals bei der ersten Prospektion nicht erwartet. Er erinnert sich noch an das Erstaunen der Wissenschaftler: „Das Spannendste und für alle unerwartet war die Größe der Siedlung.“

Über eineinhalb Kilometer erstreckt sich der Fundschleier mit römischen Artefakten. Die Forscher hatten eine römische Kleinstadt entdeckt, einen vicus. Seit dieser Entdeckung haben die Kölner Archäologen Jahr für Jahr vor Ort gegraben.

Seltener Fund

Stück für Stück enthüllten die Archäologen die Überbleibsel der römischen Siedlung. Sie förderten Grundmauern von Häusern, Schmelzöfen und ein Kleinkastell zu Tage, die von der intensiven Nutzung des Gebietes durch die Römer zeugen.

Unter den Artefakten, die geborgen wurden, war auch der Solidus, eine Goldmünze von etwa viereinhalb Gramm Gewicht, die etwas außerhalb des Städtchens an der römischen Fernstraße gefunden wurde. Die Straße verband das römische Trier mit der Colonia Claudia Ara Agrippinensium, dem heutigen Köln. „Goldfunde sind in der Archäologie selten, ihnen haftet immer etwas Spektakuläres an“, weiß Ortisi.

Für den spätantiken Besitzer des Geldes war der Verlust der Münze auf jeden Fall schmerzhaft. „Für die Armen wäre es ein Jahresverdienst gewesen, für die etwas besser Gestellten oder die Soldaten etwa ein Monatsverdienst“, schätzt der Archäologe.

„Dichte römische Kulturlandschaft“

Zwischen dem linken Ufer des kleinen Flusses, gleich unter dem bekannten Matronenheiligtum „Görresburg“, und dem „Steinrütsch“ am rechten Ufer erstreckt sich das Untersuchungsareal. Was heute eine feuchte Niederung ist, hatten die Römer planiert und mit in den Boden gerammten Holzpfählen befestigt. Dort wurde der vicus vom Typ des sogenannten Straßendorfs errichtet, dessen Häuser sich links und rechts Straße entlang zogen.

Inzwischen sind sich die Archäologen sicher: Bei dem unter einer einen Meter dicken Schlammschicht verborgenen Ort kann es sich nur um das verschollene Marcomagus handeln, eine Kleinstadt, die von römischen Straßenkarten bekannt ist. Für die regionale Bedeutung des Ortes zeugt die Dichte der römischen Kulturlandschaft mit Straßen, Industrie und Bergbau. „Das war ein intensiv genutzter und wichtiger Raum“, resümiert Ortisi. Rund 300 Menschen wohnten dort.

Kleinstadt mit bewegter Geschichte

Wichtiger als der gefundene Solidus sind die Silber- und Bronzemünzen, die verstreut über die Siedlung gefunden wurden. Sie verraten, wann die Siedlung gegründet wurde und wann ihre Blütezeit war. Auch die zwei Zerstörungshorizonte, die die Ausgräber feststellen konnten, lassen sich anhand der Geldstücke zeitlich eingrenzen. Die Chronologie, die sich dabei entspannt, gibt Antworten und wirft Fragen auf: Der vicus wurde erst in der zweiten Hälfte des 1. Jahrhunderts n. Chr. mit dem Beginn der ländlichen Besiedlung gegründet.

Der Aufstand des Stammes der Bataver, germanischer Föderaten der Römer am Niederrhein, in den Jahren 69/70 nach Christus führte zur Zerstörung der Kleinstadt an der Urft. Sie wurde wiederaufgebaut und erlebte nach den bisherigen Funden im zweiten und frühen dritten Jahrhundert ihre Blütezeit. Die Siedlungsfläche hatte ihr Maximum erreicht, die Münzen beweisen Kontakte ins ganze römische Reich.

Frankeneinfall und Wiederaufbau

Die Blüte der beachtlichen Kleinstadt wurde jäh durch einen erneuten Einfall germanischer Stämme beendet. In den 70er Jahren des dritten Jahrhunderts durchbrach der germanische Stammesverband der Franken die römischen Verteidigungslinien. Marcomagus wurde wie viele andere Siedlungen geplündert und in Schutt und Asche gelegt.

Der erneute Wiederaufbau des vicus zeigt nicht nur Kraft und Beharrungsvermögen des Imperiums trotz der reichsweiten Krise in der zweiten Hälfte des Jahrhunderts, sondern auch, dass eine Umorientierung in der römischen Wirtschaftpolitik an der Militärgrenze stattfand. Am Übergang über die Urft wurde ein Kleinkastell, ein sogenannter burgus, errichtet, der die Fernstraße am Knotenpunkt Marcomagus kontrollieren sollte. Die Siedlung schrumpfte und die Industrie konzentrierte sich auf die Herstellung von Eisen.

Strategischer Industriestandort

Die Eisenschlacken, die die Ausgräber im Boden fanden, sind bis zu einem Meter dick. Verhüttet wurde in sogenannten Rennöfen, deren Reste ebenfalls entdeckt wurden. Die Hochzeit der Eisenverhüttung setzen die Archäologen im vierten Jahrhundert an. „Das ist die Zeit, in der die großen gold der Eifel Fortsetzung von Seite 1 Zentren der Metallherstellung in Gallien und Spanien ihre Produktion aussetzen“, erklärt Ortisi. „In dieser Situation ging man an die regionalen Ressourcen.“

Eisengeräte machen einen erheblichen Anteil der Bodenfunde aus: Zimmermannswerkzeug, Werkzeug für Steinmetze und landwirtschaftliche Geräte, darunter ein Pflugeisen von anderthalb Metern Länge. Ortisi: „Es spricht vieles dafür, dass sie das Eisen schon vor Ort verarbeitet haben, um die Gutshöfe in der Umgegend zu versorgen oder an Rhein und Mosel zu exportieren.“

Auch der in der Spätantike errichtete Burgus spricht für die Bedeutung des Ortes. Er überwachte den Übergang der Fernstraße über die Urft. Vermutlich lag dort eine Besatzung von Soldaten mit Polizei und Zollaufgaben. Das endgültige Ende der Siedlung setzen Ortisi und sein Kollege Fischer für das Jahr 420 nach Christus an.

Die Eifel als römischer Wirtschaftsraum

Die Grabungsergebnisse aus dem Urfttal fügen sich in die Erkenntnisse, die Archäologen aus Köln und Mayen in den letzten Jahren gesammelt haben. Zusammen mit der Außenstelle des Römisch- germanischen Zentralmuseums Mainz in Mayen und Kollegen aus Koblenz hat Professor Dr. Thomas Fischer von der Abteilung für die Archäologie der Römischen Provinzen Ausgrabungen im Segbachtal bei Obermendig durchgeführt. Dort befand sich eine weitere Industrielandschaft der römischen Provinz Niedergermanien.

Steinbrüche für Baustoffe und die begehrten Mayener Mühlsteine ermöglichten den Besitzern der Werkstätten ein Leben im Luxus. Bis nach England und Skandinavien, aber auch in Frankreich und der Schweiz, wurden die Mayener High-Tech-Mühlsteine exportiert, die eine der Wunderwaffen des römischen Militärs war, so der Archäologe: „Man konnte mit ihnen bis zu zehnmal schneller Getreide mahlen als mit normalen Mühlsteinen.“

Prachtvillen, Götterstatuetten und intensive Landnutzung

Große Villen zeugen vom Reichtum der gallo-römischen Oberschicht, wie zum Beispiel die Villa „Im Lungenkärchen“. „Das Haupthaus der Villa hatte eine Fassade von siebziger Metern“, berichtet Fischer, „der Fischteich davor war vierzig Meter lang.“ Die Villa liegt in einem der wichtigsten Industriezentren der Römer in Germanien mit hochrepräsentativen Villen, Steinbrüchen, Verladeplätzen, Speichern, Wassermühlen und Drainagen.

Funde von Wohn- und Wirtschaftsgebäuden, Keramikresten, Götterstatuetten und Gold belegen dies. Im von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) geförderten Projekt „Römische-Landnutzung in der Eifel“ konnte nun auch die Intensivierung der Landwirtschaft in römischer Zeit nachgewiesen werden. „Das Aufblühen des wirtschaftlichen Zentrums Mayen ist direkt gekoppelt an die Ausweitung der landwirtschaftlichen Nutzung“, erklärt Professor Fischer. Er sieht in den Ergebnissen aus Mayen und Nettersheim einen verheißungsvollen Beginn wissenschaftlicher Forschung: „So interessant die Ergebnisse auch sind, die in den letzten Jahren in der Eifel gemacht wurden“, meint er, „die Zukunft bietet noch viel interessantere Perspektiven.“

Gewinn für die Wissenschaft

Denn das Bild des Hinterlandes der römischen Provinz Germania inferior wandelt sich mit jedem Tag, an dem die Archäologen ihre Forschungen weitertreiben. Das landwirtschaftlich eher uninteressante Gebiet war ein sehr wichtiger Bestandteil des römischen Wirtschaftssystems an Rhein und Mosel. „Was man komplett unterschätzt hat, war die Intensität, mit der die Rohstoffvorkommen erschlossen und ausgebeutet wurden“, erklärt Salvatore Ortisi.

Neben der Armee, den großen Städten und den Gutshöfen stellen die Kleinstädte wie Nettersheim und Mayen deswegen in Zukunft eines der Aufgabengebiete der Provinzialrömischen Archäologie dar. „In den letzten Jahrzehnten ist die Bedeutung der kleinen Städte für die Infrastruktur der römischen Provinzen etwas in Vergessenheit geraten“, so Ortisi. „Mit den Untersuchungen im Nettersheimer vicus haben wir in der Provinz Niedergermanien ein Forschungsgebiet eröffnet, das die Wissenschaft in den nächsten Jahren beschäftigen wird.“ Im Tagungsband „Römische Landnutzung in der Eifel. Neue Ausgrabungen und Forschungen“ im Verlag des Römisch-Germanischen Zentralmuseums in Mainz berichten die Wissenschaftler über ihre neuesten Erkenntnisse.


Kölner Universitätszeitung - Vom 04.01.2012

 

 
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