UNA Nettersheim

Montag, 15. Juli 2019
Leserbriefe zur Berichterstattung des Stadt-Anzeigers zur Veranstaltung im Dorfsaal in Nettersheim am 15.11.2010
Samstag, den 27. November 2010 um 17:38 Uhr
Anmerkung der UNA:
Die Kritik, die insbesondere an Vorbereitung, Organisation und Verlauf der Veranstaltung in allen drei Leserbriefen ausgedrückt wird, ist unserer Meinung nach berechtigt. Auch die Kritik an der unsachgemäßen Berichterstattung im Stadt-Anzeiger ist zutreffend.
 
Es wird jede Menge Geld verpulvert
Respektlosigkeit
Ihr Bericht lässt die gebotene journalistische Sorgfaltspflicht missen. Er arbeitet mit Behauptungen, die geeignet sind, die Haltung der Protestierenden ins Lächerliche zu ziehen. Während die Ansichten der Gemeinde Nettersheim unreflektiert als Tatsachen dargestellt werden, werden Aussagen der Protestierenden bereits im Bericht bewertet. Das ist unseriös und erinnert mich an eine Hofberichterstattung.

Fakt ist, dass das Projektteam der Gemeinde Nettersheim im Rahmen der Beteiligung "Erlebnisraum Römerstraße von Trier bis Köln" der Regionale 2010 in NRW bereits im Frühjahr 2010 einen Kubus-Überbau von 8,50 Höhe über die größte der drei Cellae im Matronenheiligtum vorsah, ohne Wissen des Gemeinderats, der erst Ende Juni informiert worden ist. Es gab weder einen Hinweis auf Alternativplanungen noch darauf, dass neue Grabungsfunde diesem Kubus einen Sinn gäben. Die Aussage, dass neue Grabungsfunde Störendes für die Besonderheit des Platzes ergeben hätten, ist eine unbelegte Behauptung.

In meinem Beitrag auf der ersten Informationsveranstaltung der Gemeinde am 15. November, auf die sich Ihr Artikel bezieht, habe ich klar ausgeführt, dass es keine Belege dafür gibt, wie ein Matronenkult vor 1800 Jahren praktiziert worden sein mag. Also kann es auch heute keine Anhänger oder Anhängerinnen dieses unbekannten Kultes geben. Vermutlich dient diese Behauptung dem Versuch, die Protestierenden als leicht abgedreht und somit ihre Argumente gegen einen Kubus im Matronenheiligtum (Matronenheiligtum ist eine offizielle Bezeichnung) als nicht beachtenswert darzustellen.

Unsere Argumente gegen einen Kubus, aber auch gegen eine andere Bebauung (eine Rekonstruktion ist nicht möglich, da nicht mehr nachvollziehbar): Im Heiligtum mit seinen drei Cellae wirkt der Kubus wie ein Fremdkörper; er zerstört das Landschaftsbild; er dominiert das Matronenheiligtum und die Matronensteine; er lenkt von der kulturellen Bedeutung der Matronen ab; er stört diese Anlage als einen Ort der Besinnung für zahlreiche Menschen; er ist kein Schutzbau und keine Rekonstruktion, die einen Eingriff nach dem Denkmalschutzgesetz NRW rechtfertigen könnten; er ist museums- und erlebnispädagogisch kontraproduktiv; er behindert zukünftigen Forschungsdrang über die Bedeutung der drei Cellae; er vertreibt die Menschen, die seit Jahren in großer Zahl als Touristen gerade wegen des unverbauten Heiligtums Nettersheim besuchen und anderen diesen Platz empfehlen.

Ich empfinde den Bau dieses Kubus als eine Respektlosigkeit sowohl dem Heiligtum als auch den zahlreichen Menschen gegenüber, die es in der jetzigen Form aufsuchen und schätzen. Ich bin nicht gegen die Idee eines archäologischen Landschaftsparks, halte aber einen Kubus in einem Naturschutzgebiet für überflüssig, der 200 000 Euro bei 40 000 Euro Eigenbeteiligung der Gemeinde kosten soll. Das ist eine fragwürdige Verwendung von Steuergeldern.
GUDRUN NOSITSCHKA, MECHERNICH

Lobbyismus
In den beiden Artikeln zur Kubus-Debatte in Nettersheim vermisse ich die politische, wirtschaftliche und menschliche Dimension, die damit verbunden ist. Christoph Hölzer hat in seiner Vorstellung des Gesamtprojektes "Regionale 2010", von der der "Erlebnisraum Römerstraße" ein Teilprojekt ist, verschiedene Voraussetzungen für die Förderungsbewilligung erläutert. Dazu gehört, die Bevölkerung an der Entwicklung ihrer Region zu beteiligen, aber auch, dass sich alle 19 Regionen beteiligen und dass dabei das kubische Design an allen Orten, die die Römerstraße verbindet, ein einheitliches Erkennungsmerkmal sein soll. Allein diese Vorgabe und Dr. Kunows Aussage: "Wir müssen in die dritte Dimension" schließen somit eine ernst gemeinte Beteiligung der Bewohner und Bewohnerinnen aus.

"Turm- und Kubenbau" ist in bestimmten Kreisen gerade ein moderner Wirtschaftsfaktor. Und die ganze "Informationsveranstaltung" in Nettersheim war ein ausgezeichnetes Lehrstück dafür, wie Lobbyismus funktioniert. Aus dieser Perspektive wird noch deutlicher, dass die wertvollen archäologischen Funde, in Nettersheim und vermutlich auch woanders, als Alibi genutzt werden, um wirtschaftliche Interessen durchzusetzen, deren Nutznießer selten die Bevölkerung ist. Neben all dem finde ich besonders schlimm, dass nicht nur ich als Erwachsene, sondern gerade Kinder und Jugendliche immer mehr in einer "Schönen neuen Welt" (Huxley) aufwachsen, in der Milch aus lila Kühen kommt und Kinder vielleicht bald, wenn sie eine Wiese malen, rechteckige Grundrisse aufs Papier bringen, auf denen Kuben und Türmchen stehen; in der es keinen "Freiraum" mehr gibt, in dem ich mich und meine Umwelt unabhängig von einer festgelegten, festbetonierten und festgeharkten Ordnung wahrnehmen und eigene Bilder dazu entwickeln kann.
CLAUDIA GOLOMB, NETTERSHEIM

Höchst parteiisch
Die Bürger begehren auf und die Politik reagiert erschrocken bis verschnupft. Zu lange war man - speziell in der Eifel - Widerspruch nicht gewöhnt. Allein diese Tatsache und vor allem die finanzielle Dimension der gesamten Kubus-Planung wäre schon einen knackigen Bericht wert gewesen. Leider Fehlanzeige. Denn fast gebetsmühlenartig ging es mal wieder um den Matronenkult, den es gar nicht gibt. Auch die Gegnerinnen des Kubus haben das immer wieder betont. Sie wollen diesen romantischen Ort auf der Görresburg erhalten wissen, übrigens genau wie die Nettersheimer Bevölkerung auch. Eine kleine Umfrage hätte Klarheit gebracht.

Überhaupt: die Spaltung in Einheimische und Zugereiste an diesem Abend. Ich kenne keinen "Ur-Nettersheimer", der für den Kubus ist. Stattdessen drängt sich mir der Eindruck auf, dass Ihr Berichterstatter den Einflüsterungen der Kubus-Planer erlegen ist. Es ist offenbar leichter, engagierte Frauen lächerlich zu machen, als sich mit den an diesem Abend schmählich missachteten demokratischen Spielregeln auseinanderzusetzen. So war der Moderator zum Beispiel höchst parteiisch (pro Kubus) und hielt sich krampfhaft am Mikrofon fest, damit nur ja kein Bürger seine Meinung sagen konnte.

Darüber hätte man schreiben können. Auch eine Recherche zur "Regionale 2010" würde sich lohnen. Denn es geht - auch in Nettersheim - um viel Geld, was da verpulvert wird. Aber über Geld wurde an dem Abend komischerweise nicht gesprochen. Hätte auffallen müssen. Allein ein Kubus (zwei könnten es werden) soll 200 000 Euro kosten. 40 000 Euro davon trägt die Gemeinde, also wir. Die 160 000 Euro Fördergelder fallen nicht vom Himmel, die tragen letztlich auch die Steuerzahler. Und was bekommt der ungarische Architekt an Honorar? Stand bisher noch in keinem Zeitungsartikel.

Die Regionale-2010-Agentur stößt viele solcher Projekte an. Sie will offenbar ein Design, ein einheitliches Label schaffen. Dafür installiert sie Beiräte und Sachverständige und Gremien und Sitzungen und Tagungen. Das alles kostet Geld. Wahrscheinlich auch die Workshops, die die Gemeinde Nettersheim nun anberaumt hat. Sicherlich ist dann wieder ein Mann von der Regionale-Agentur dabei, der schöne Computer-Animationen zeigt, die alle aussehen wie die Parallelwelt "Second Life" im Internet.

Ach, noch eins: Prof. Kunow vom LVR behauptete an diesem Abend, Matronen als Weltkulturerbe ginge nicht, weil Weltkulturerbe nicht beweglich, sondern immer fest stehend sei. Dabei hat die Unesco gerade den spanischen Flamenco und das französische Fünf-Gänge-Menü zum Weltkulturerbe erklärt. Beweglicher geht's nicht.
MONIKA MENGEL, NETTERSHEIM
 
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