UNA Nettersheim

Donnerstag, 23. Mai 2019
Heftiger Widerstand gegen den Kubus
Donnerstag, den 04. November 2010 um 17:52 Uhr
Nettersheim. Feldfrüchte als Opfergaben findet man reichlich an der bald 2000 Jahre alten römischen Tempelanlage "Görresburg" oberhalb des Urfttales bei Nettersheim. Ganz offensichtlich haben vorwiegend weibliche Anhänger der Matronenverehrung den ehemaligen Tempelbezirk (männlicher) römischer Soldaten zur eigenen Kultstätte umfunktioniert. "Für diese Menschen ist das ein heiliger Ort", sagte Dr. Imke Ristow, die örtliche Gemeindearchäologin, gestern dem "Kölner Stadt-Anzeiger".

MatronensteineDie Funktion als sakraler Ort für die Verehrung der ursprünglich vorrömischen Schutzgöttinnen bewegt derzeit bis ins Ausland die Gemüter. Als bekannt wurde, dass die Gemeinde erwägt, möglicherweise einen großen hölzernen Kubus mitten im Tempelbezirk zu platzieren, ging eine Welle der Empörung durch die Reihen der Matronen-Verehrerinnen.

Seit Monaten trifft eine nicht abreißende Serie sich ziemlich gleichender Protestschreiben im Nettersheimer Rathaus ein. Ganz offensichtlich fußen alle diese teils sehr energisch formulierten Schreiben auf demselben Ursprungstext. Sie folgen mehr oder weniger allesamt der gleichen Argumentationslinie: Der Kubus wirke als Fremdkörper, er zerstöre das Landschaftsbild, es gebe keine Notwendigkeit für das Bauwerk. Dahinter steht letztlich die Vorstellung, dass ein intakter sakraler Bereich nachhaltig gestört werde.

Zu den Gegnern des von einem ungarischen Architekten und Archäologen vorgeschlagenen Kubus gehört die Wachendorferin Gudrun Nositschka, aber auch die bekannte Matronen-Forscherin Sophie Lange. Auch der Vorsitzende des Vereins Eifelmuseen, Karl Reger, plädierte gegen den Holzkubus. Der Würfel, so der Rescheider, erdrücke die archäologischen Funde und verletze die Gefühle vieler Menschen. Unter den Protestlern findet man den "Kölner Frauengeschichtsverein" ebenso wie das Bonner Frauenmuseum, das Frauenbüro des Magistrats der Universitätsstadt Gießen oder auch Josef Tumbrinck, Vorsitzender des NRW-Landesverbandes "Naturschutzbund Deutschland" (NABU).

Kubus
Offenkundig reichte allein die Präsentation des Vorschlags für den Kubus aus, die Gemüter derartig in Wallung zu bringen. Dabei ist das nur eine von verschiedenen Möglichkeiten bei der Entwicklung des "Archäologischen Landschaftsparks Nettersheim". Das Ergebnis sei noch völlig offen, sagte Imke Ristow.

Ein wesentlicher Meilenstein bei der Meinungsfindung dürfte am Montag, 15. November, ab 19 Uhr im Dorfsaal in Nettersheim, Bahnhofstraße 12, gesetzt werden. Dann soll es erstmals eine öffentliche Information für alle Interessierten geben. Man darf angesichts des emotionalen Vorgeplänkels annehmen, dass die Veranstaltung recht lebhaft wird.

Das Projekt ist eingebettet in die Förderkulisse der Euregionale 2010. 80 Prozent Zuschuss versüßen der Gemeinde dabei die Entwicklung des Areals zu einem touristischen Publikumsmagneten. Bereits im Vorfeld haben Archäologen damit begonnen, durch gezielte Grabungen Klarheit darüber zu schaffen, was da eigentlich einmal war in der Zeit vom ersten bis zum vierten nachchristlichen Jahrhundert. Diesbezüglich bestanden und bestehen weithin weiße Flecken in der Erkenntnislandschaft. Erste Ergebnisse machten aber schon deutlich, dass es Korrekturbedarf bei einigen bisherigen Sichtweisen gibt.

Gefestigt hat sich der Eindruck, dass man es mit einem der bedeutendsten archäologischen Bodendenkmäler der Region zu tun hat. Die Erkundungen zeigten beispielsweise, dass sich eine römische Siedlung aus der Tallage bis an den Rand des Tempelbezirks ausgebreitet hatte. Die Bebauung folgte der römischen Straße von Köln nach Trier, die noch in einer Trassenbreite von zwölf Metern belegbar ist. Rechteckige Bauten säumten die Straße auf 400 Metern Länge. Am "Steinrütsch" fanden sich Hinweise auf mehrere öffentlich und gewerblich genutzte Bauten, darunter auch zwei antike Befestigungsanlagen.

Größe und Ausstattung dieser Siedlung deuten auf ein städtisch geprägtes Zentrum von überregionaler Bedeutung direkt an der Agrippastraße hin. Die Besonderheit ergibt sich aus dem engen Zusammenspiel von Tempelbereich, Siedlung, Befestigungen und römischer Metallverarbeitung. Das archäologische Juwel soll nun in mehreren Schritten touristisch ins rechte Licht gerückt werden, dafür ist ein ganzes Paket von Maßnahmen geschnürt.

Während nahezu alle anderen Vorschläge breit akzeptiert wurden, stieß die vorgeschlagene Veränderung im Tempelbezirk auf heftige Gegenwehr.

Gemeindearchäologin Ristow sagte, dass man alle Interessierten, insbesondere auch die "Matronen-Frauen", möglichst mit ins Boot holen wolle. Zu dem Zweck seien Workshops und die Gründung einer Agenda-Gruppe vorgesehen.

Kölner Stadtanzeiger vom 04.10.2010 - von F.A. Heinen
 
 
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