UNA Nettersheim

Donnerstag, 21. März 2019
Eisen für die Waffenproduktion
Dienstag, den 24. August 2010 um 19:28 Uhr
NETTERSHEIM - Die Eifel im Jahr 250 nach Christus: Eine Händlerkarawane reist auf der Agrippa-Straße von Köln nach Trier. Am Abend erreicht die Gruppe die Herberge des an der Agrippa-Straße gelegenen Vicus (eine römische Kleinstadt) Nettersheim. Die Händler entscheiden sich, dort die Nacht zu verbringen, um am nächsten Tag ausgeruht die Reise nach Trier fortzusetzen. Während ihres Aufenthalts in Nettersheim decken sie sich mit Waren ein - darunter auch Eisen - und verkaufen den Einheimischen einige ihrer exotischen Mitbringsel. Am nächsten Tag zieht die Kolonne weiter in Richtung Trier.
So oder so ähnlich könnte sich der Alltag in Nettersheim vor rund 1760 Jahren abgespielt haben. Derzeit gräbt der Archäologe Dr. Salvatore Ortisi von der Universität Köln mit seinen Studenten im „Steinrütsch“ bei Nettersheim, um der Erde noch weitere Erkenntnisse zu entlocken. Auch Jennifer Hehs ist dabei. Die Gemünderin, die das Städtische Gymnasium in Schleiden besucht, absolviert derzeit ein Praktikum - ein spannendes. Denn Zentimeter für Zentimeter werden römische Gemäuer freigelegt. Während die einen mit Spaten und Schubkarre den groben Part übernommen haben, sind andere Studenten mit feinen Kellen und Eimern für die Feinarbeit zuständig. Andere wiederum vermessen mit moderner Technik das Gelände.

Bereits jetzt ist klar, dass sich in Nettersheim zur Römerzeit weit mehr befand, als die Experten zunächst vermutet hatten. So stießen die Forscher auf die Grundrisse eines großen Gebäudes, von dem sie annehmen, dass es sich um ein wichtiges Bauwerk gehandelt hat. Wahrscheinlich sind die Grundrisse einer Herberge oder einer Station der römischen Polizei zuzuordnen. Die neuen Erkenntnisse basieren auch auf der Auswertung geophysikalischer Messungen. Eines der Geheimnisse, das die Forscher der Erde entlockten, ist laut Ortisi eine Halle zur Eisenverhüttung.

Der Archäologe vermutet, dass die Bewohner aus der Umgebung das geschürfte Eisenerz auf den Nettersheimer Marktplatz brachten, wo sie es verkauften und mit dem Erlös andere Waren mit nach Hause nahmen. Das Eisenerz wurde in Nettersheim verhüttet und das fertige Produkt an die Händler verkauft. Diese brachten es in die militärischen Betriebe in Köln und Trier, wo daraus Waffen hergestellt wurden.

Doch die Nettersheimer Erde verrät den Archäologen noch ein viel interessanteres Detail der römischen Geschichte. „Wir haben Hinweise, dass es zu einer großflächigen Zerstörung gekommen ist“, sagte Dr. Salvatore Ortisi. Um das Jahr 270 wurde das gesamte Vicus dem Erdboden gleichgemacht. „Nach 270 nach Christus spielt der militärische Aspekt eine viel größere Rolle“, so Ortisi. In Nettersheim entstand eine völlig neue Situation, die Befehlshaber legten am Übergang der Urft einen Burgus an, der aus einem Wachturm und einer Steinmauer bestand. Die Bruchsteinmauer war einen Meter breit und rund 2,5 Meter hoch. Wer an der Engstelle die Urft und damit die Agrippa-Straße passieren wollte, musste durch die schweren Tore des Burgus hindurch. Aber wer war für die Zerstörung des Vicus in Nettersheim verantwortlich? Ortisi hat zwei Vermutungen. Zum einen könnten es die Germanen gewesen sein. Denn der Volksstamm habe auf seinem Vormarsch auch das gut ausgebaute römische Straßennetz genutzt, um schneller voranzukommen. Dabei müssten die Krieger früher oder später auch in Nettersheim vorbeigekommen sein. Ortisi: „Die Germanen werden sicherlich keinen Stein auf dem anderen gelassen haben.“ Zum anderen hält er es für möglich, dass der Vicus im Zuge des Bürgerkrieges mit dem Imperium Galliarum zerstört worden ist. Bei diesen neuen Erkenntnissen hört auch Nettersheims Bürgermeister Wilfried Pracht genau hin. „Die Vermutungen werden zunehmend aufgelöst“, so Pracht. „Wir sind gespannt, was sich konkret noch tut.“

Unterhaltungswert hat die Grabung bereits jetzt für Wanderer, die die Grabungsstelle passierten. Sie informieren sich darüber, was dort in der Erde schlummert. Für Interessierte wird es zudem am zweiten Septemberwochenende ein Grabungs-Camp geben, wo sie unter Aufsicht der Archäologen selbst aktiv werden dürfen. Das 15-köpfige Team um Dr. Salvatore Ortisi wird noch bis Mitte September nach Nettersheims versunkener Geschichte graben.

Der aktuelle Grabungsort wird noch bis zur „Archäologietour Nordeifel“, die vom Landschaftsverband Rheinland und der Kölnischen Rundschau am 3. Oktober präsentiert wird, geöffnet bleiben. Anschließend wird alles wieder zugeschüttet - denn unter der Erde sind die Funde am besten geschützt. Die archäologischen Untersuchungen sollen künftig in jedem Sommer fortgesetzt werden - dann ist sicherlich wieder viel Neues über das römische Leben in Nettersheim zu erfahren.

Kölnische Rundschau vom 24.08.2010 - von David Dreimüller
 
 
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